Heim-EM im Tessin

23.05.2018

Da rennt man auf der Burgmauer in Bellinzona 5 Minuten vor dem ersten EM-Einsatz in Richtung Vorstart und plötzlich fährt einem ein Anfeuerungsruf durch Mark und Bein: «Heja Chlai!», dröhnte es von der Schlossmauer. Ein kurzer Blick hoch und unschwer war die grüne Armada von Kyburz-Fanclub Mitgliedern zu erkennen. 3,2,1 und los ging es. Durchs Schloss hindurch, die Treppe runter und wieder machte mir eine grüne Welle die Aufwartung! Ohne dass ich einen einzigen Posten angelaufen hatte, kam ich in den Genuss des halben Fanclubs. Das war mal ein Fan-Einstieg in diese Heim-EM!

Ich mag gar nicht erst ausmalen, was geschehen wäre, wäre der Fanclub nicht lauthals am Zieleinlauf des Sprint-Finals gestanden! Es ging um jede Sekunde. Drei Sekunden war ich schneller wie Daniel Hubmann im Zieleinlauf. Dieses Schlussfeuerwerk war auch nötig, nur so sicherte ich mir den ex aequo Sieg mit Daniel Hubmann. Mir war es an diesem Tag recht, dass auf die Sekunde gerundet wurde. Warum? Das könnt ihr euch wohl am besten selbst ausmalen…

In der Mittelqualifikation in Carona kamen wir dann beide zum Zug. Die Organisatoren meinten es an diesem Tag nur zu gut mit uns. Wir wurden in die steilsten und unwegsamsten Hänge geschickt. Andi meinte im Ziel zu unseren Fans, die ungeduldig auf den Zuschauerlauf warteten: «Ihr bekommt das Filetstück heute!» Ok, wir müssen zugeben: Auch dieses Filetstück musste ordentlich verdient werden!
Item, wir meisterten die Quali mit Bravour und klassierten uns in unseren jeweiligen Heats auf Rang 2.

Die Bandbreite der Emotionen beim Mitteldistanzfinale hätte grösser nicht sein können. Da jubelte ich über Gold und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich nicht mitbekam wie es Andi lief. Er startete vier Minuten nach mir und ich hätte es mitbekommen müssen, als er ins Ziel kam. Als ich nachfragte, hiess es, er musste das Rennen verletzt aufgeben.

Das war ein richtiger bitterer Moment für Andi und für uns alle! Da kämpfte er sich den ganzen Winter über zurück an die Weltspitze, beweist in der Qualifikation, dass er zu den Besten gehört und Schwups, lösen sich alle Träume in Luft aus! Und wenn ich von Träume rede, da war nämlich dieser eine Traum: Andreas und ich wären im Team Schweiz 1 zusammen mit Daniel Hubmann für die Staffel vorgesehen gewesen. Die Staffel war für uns beide eine riesen Motivation und es war unser Traum, zusammen vor Heimpublikum eine Medaille zu gewinnen. Dieser Traum löste sich in Luft aus! Aus und vorbei nach 22 Minuten und Zwischenrang 5! Es war ein herber Dämpfer in der bis anhin so perfekten EM-Woche.
Glücklicherweise stellt sich die Verletzung als nicht so gravierend aus, so dass Andi bald zurück im Wald sein sollte.
Andi konnte in der Folge nur noch den Kopf schütteln über Läufer von anderen Nationalteams die nicht starteten, weil beispielsweise das Schweizer Hahnenwasser Bauchprobleme auslöste…

Auch ohne Andi wurde die Staffel zum Erfolg. Das grosse Glück (teilweise auch das grosse Leid bei Selektionsentscheiden) im Schweizer-Team ist, dass wir solche Ausfälle kompensieren können. Florian Howald rückte ins erste Team nach. Er übernahm Andi`s Part und meisterte ihn hervorragend. Auch wenn es Andi sicherlich schmerzte die Staffel zuschauen zu müssen, gratulierte er im Ziel Florian Howald zu seiner guten Strecke und fügte hinzu: «Ich hätte es nicht besser hinbekommen.»
Für Gold hätte ich und Dani Hubmann noch ein wenig besser Laufen müssen. Das taten wir an diesem Tag aber nicht. Die Medaille war das Ziel und mit Silber waren wir sehr glücklich!

Die Langdistanz zum Abschluss wurde zum grossen Härtetest für Läufer und Zuschauer! Just als ich mich gegen Ende des Rennens befand, wurde der Himmel über Capriasca schwarz und es begann richtig heftig zu Regnen. Vielleicht war der Regen eine Anlehnung an meinen Fehler, der mir kurz zuvor zu Posten 25 unterlief. Ich kämpfte mich wacker über die Bahn und die Kyburz-Fans waren noch immer da, als sich bereits viele ins trockene geflüchtet hatten. Das ausharren zahlte sich aus, denn an diesem Tag schien schnell wieder die Sonne. Meine erste Medaille über die Langdistanz wurde Tatsache und so blieb Zeit, diese kurz zu feiern.


Dem Fanclub möchten wir ganz herzlich für die Unterstützung danken. Von der ersten bis zur letzten Minute seid ihr vor Ort gewesen (Das ist keine Floskel!) und habt uns zu Höchstleistungen angestachelt. Ihr habt Entbehrungen in Kauf genommen (Heiserkeit, verbeulte Köpfe (Zuschauerlauf im Hagel), Stau etc…), um mit uns zu feiern und mit uns zu leiden!
Der Auftritt von euch an der Europameisterschaft war Weltklasse! Grazie mille!

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