Die Geschichte hinter der Medaille

17.09.2018

An der WM in Lettland gewann ich im Sprint die Bronzemedaille. Es war meine erste WM Medaille und obwohl ich immer wieder das Wort „Endlich!“ hörte, so war es doch eine Riesenüberraschung.

 

Vorbereitung

Die WM bereitete ich dieses Jahr nicht so intensiv vor wie auch schon. Dies hatte nichts mit Faulheit zu tun, sondern war eine bewusste Entscheidung. Klar, mit Google Street View erkundete ich zuvor die Gassen Rigas und ich war mir möglicher Routenwahlen und Laufanlagen bewusst. Auch kannte ich die Tücken und Risiken der Stadt und hatte eine Vorstellung davon, wie ich darauf reagieren wollte. Die gemeinsame Vorbereitung mit Chlai war ebenfalls inspirierend. 

 


 

 

Aber es war nicht mehr diese minutiöse Vorbereitung wie vor 3 Jahren an der WM in Schottland, als ich ebenfalls den Sprint lief und von meinem Rennen enttäuscht war. In der damaligen Analyse hatte ich das Gefühl mich zu intensiv vorbereitet zu haben. Ich schrieb seitenweise Konzepte, studierte jede mögliche Routenwahl und machte komische Sachen wie aufhören Schokolade zu essen.
Die Folge davon: Am Start war mein Kopf voll und mein Bauch leer.

 

Dieses Jahr wollte ich die Sache entspannter angehen. Ich konnte seit dem Bänderriss an der EM gut trainieren, fühlte mich auch demnach und die letzten spezifischen Sprinttrainings und Einheiten auf der Bahn liessen mich mit Vorfreude nach Lettland reisen. Die Tage vor dem Lauf versuchte ich so normal wie möglich zu tun. Die Nervosität am Vorabend oder am Morgen vor dem Lauf war dann auch nicht sehr gross. Zum Glück fragte mich unser Trainer kurz vor dem Start nicht, was ich mir vorgenommen hatte. Ich hätte nichts Gescheites zu erzählen gehabt.

Aber ich hatte, was ich wollte: Leerer Kopf am Start, voller Bauch, aber trotzdem extrem hungrig.

 

Das hört sich jetzt leicht an, aber es brachte etwas Mut, das wichtigste Rennen der Saison zu einem gewissen Grad amateurhaft anzugehen. Die Angriffsfläche wäre gross gewesen, hätte es nicht geklappt.

  

Erfahrung in der Quali

Der Weg in den Sprintfinal erfolgte über die Qualifikation am Morgen. In der Startphase musste ich 2-3mal stehen bleiben um genau Karte zu lesen, aber ich liess mich nicht aus der Ruhe bringen, lief sauber und zog das Ding durch. Resultat: Sichere Finalqualifikation ohne gross Energie verloren zu haben.

  

Glück und Können im Final

Vorneweg das Glück: Der Final in der Altstadt von Riga war sicher an der Grenze des Zumutbaren. Mir konnte es als Aussenseiter nur recht sein. Als ob Kopfsteinpflaster, Autos, viele Touristen und schmale Gassen nicht genug wären, fing es auch noch an zu Regnen. Die führte zu heiklen Ausweichmanöver, Wartezeiten bei schmalen Durchgängen, Warnschreie und einige Stürze. Chlai erwischte es zweimal in der Kurve, ich ging vor Posten 2 kurz zu Boden. Hätte ich 2.6 Sekunden länger gehabt (und das bedeutet einmal heftig wegen einer Touristengruppe abbremsen und wieder beschleunigen) und ich wäre 7ter geworden.

 

Kommen wir zum Können: Meistens gewinnen trotzdem die gleichen Leute (war mit Daniel Hubmann dieses Jahr nicht anders!), also braucht es auch mehr als nur Glück. Mein Lauf war richtig gut. Flüssig, kontrolliert, schnell und mit einem fulminanten Schlussspurt ausgestattet, der mich auf den letzten Metern den 3ten Rang bescherte. Das war tatsächlich einer meiner besten Sprint.

 

 

Die Ereignisse nach meinem Zieleinlauf:

-          Als ich ins Ziel kam, interessierte sich niemand für mich. Speakersound war tot (Stromausfall kurz zuvor) und auch sonst deutete nichts auf eine gute Zeit hin. Erst einige Minuten später erfuhr ich von den Trainern, dass ich in Führung lag.

-          Der Platz auf dem Leader-Sofa war kurz, da Daniel Hubmann kurze Zeit später die Führung übernahm, aber ich freute mich über einen geglückten Lauf.

-          Ein erstes Hochgefühl erfolge, als Chlai ins Ziel kam und sich 2 Sekunden hinter mir einreihte. Spätestens jetzt war der Tag gerettet.

-          Langsam dämmerte es, dass weitere Favoriten strauchelten und ein Diplomrang möglich ist.

-          So richtig nervös wurde ich, als nur noch der Belgier Michels mir gefährlich werden konnte.

-          Die letzten Minuten könnte ich nicht besser beschreiben als es im Bericht der WM Organisatoren stand:  “Kyburz felt like sitting on needles – being a late starter Belgian Yannick Michiels could threaten Andreas’ podium position. Finally, 0.6 seconds lost made Yannick desperate while Andreas’ jumped so high, that he almost surpassed Knight Roland’s statue standing in the Town Square. No wonder – this was his first WOC podium!“

 

 

 

Medaillen zu gewinnen war noch nie der Grund für mich um OL zu machen. Daher war ich selber etwas überrascht, als ich realisierte, wie viel diese Medaille für mich bedeutet. Es war keine überfällige Medaille, aber der Lohn für mittlerweile 10 Jahre Spitzensport, Leidenschaft, Schweiss und Hartnäckigkeit. Ich stand in meiner bisherigen Karriere viel im Schatten meiner Teamkammeraden (was mir auch nichts ausmachte) und hatte in letzter Zeit viel mit Verletzungen zu kämpfen (was nicht immer einfach war). Umso mehr genoss ich meinen kurzen Auftritt im Scheinwerferlicht und bin einfach nur glücklich, auch mal was dem Medaillenspiegel beigetragen zu haben. Das war er - mein Tag! Einfach nur schön und er entlockte mir die eine oder andere Träne.

Opens external link in new windowBericht im Sportaktuell

Opens external link in new windowBericht WOC Daily von SwissOrienteering

Opens external link in new windowKurze Analyse des Sprints 

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Weitere Rennen von Chlai

So viel zu meinem WM Abenteuer. Für die restlichen Disziplinen war ich nur noch Ersatzläufer und durfte als Zuschauer viele weitere Medaillen des Schweizer Teams bejubeln.

 

Chlai stand noch an folgenden Rennen am Start:

 

-          Mitteldistanz

Undankbarer 4ter Rang, nach einem kleinen Fehler zu Beginn des Rennens und einer schlechten Routenwahl in der Mitte.

 

 

 

Opens external link in new windowReplay Mitteldistanz

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-          Staffel

Grossartige letzte Strecke für das Schweizer Team in einem verrückten Rennen. Dank fulminantem Schlussspurt zur hochverdienten Silbermedaille gesprintet. Im Ziel lag er sogar für kurze Zeit am Boden. Ein seltenes Bild!

Opens external link in new windowReplay Schlussphase der Staffel

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-          Langdistanz

Das grosse Ziel, eine Medaille in der Langdistanz zu gewinnen, blieb auch dieses Mal verwehrt. Zu viele technische Fehler und unglückliche Routenwahlen reichten „nur“ zu Rang 8.

 

 

Opens external link in new windowReplay Langdistanz

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Die Diskussion, ob nun Bronze im Sprint oder eine Silbermedaille in der Staffel wertvoller sei, führte ins Nirgendwo. Was schliesslich zählt und was uns antreibt sind Erlebnisse und Erfahrungen und davon nahmen wir beide eine Menge mit nach Hause!

Zum Schluss möchten wir ganz herzlich für all die Unterstützung während der WM Woche danken. Wir sind Einzelsportler, aber ohne ein starkes Team im Rücken geht es nicht. Wir dürfen schon seit Jahren auf ein solches zählen! Spezieller Dank geht an unseren Fanclub für die super Unterstützung, unseren Sponsoren und natürlich unseren tollen Frauen.

 

Sponsoren Fanclub